Den Verstummten weiter eine Stimme geben

Ems-Zeitung, 16. Mai 2017

Holocaust-Überlebende Erna de Vries nimmt auch mit 93 Jahren noch fast jede Einladung gerne an

Den Verstummten eine Stimme geben
Dankbar für den Besuch der Holocaust-Überlebenden Erna de Vries in ihrer Schule sind (von links)
die Lehrkräfte Andree Schwennen, Michaela Mecklenborg und Petra Weckenbrock-Meyer sowie Schulleiter Thomas Springub.

Fotos: Gerd Schade

Seit 20 Jahren berichtet die Holocaust-Überlebende Erna de Vries aus Lathen vor allem in Schulen schonungslos offen, wie sie dem scheinbar sicheren Tod im NS-Vernichtungslager Auschwitz entronnen ist. Einladungen abzusagen kommt ihr auch mit 93 Jahren nur schwer in den Sinn.

Von Gerd Schade

Papenburg. Ihren Humor hat Erna de Vries nicht verloren. „Gestatten Sie, dass ich sitzen bleibe?“, fragt sie den Autor dieser Zeilen am Montag zur Begrüßung in der Papenburger Michaelschule. Ihr Händedruck ist kräftig, ihre Stimme auch.

Die Oberschule hat die gebürtige Pfälzerin zum wiederholten Mal eingeladen, ihre Überlebensgeschichte zu erzählen. Diesmal bildet ihr Bericht für 130 Neuntklässler den Abschluss einer Unterrichtseinheit über die NS-Zeit – ein Thema, das Schüler von heute naturgemäß nur aus Geschichtsbüchern, Fernsehen oder Internet kennen. Es sei denn, sie bekommen Gelegenheit durch einen Besuch von de Vries.

Bis zu viermal pro Woche wird sie eingeladen – auch immer wieder von Schulen im nördlichen Emsland. „Ich sage nicht gerne ab“, betont de Vries beim Vorgespräch im Büro von Schulleiter Thomas Springub. Es sei ihr ein Anliegen, dass man ihre Geschichte höre. „Ich spreche gegen das Vergessen – auch und vor allem für all diejenigen, die es nicht mehr können.“ Und wie.

Frei aus der Erinnerung und obwohl 1000-fach erzählt sowie aufgeschrieben und gefilmt, spannt die Lathenerin einen atemberaubenden Berichtsbogen von ihrer bis zum plötzlichen Tod ihres Vaters 1930 „glücklichen Kindheit“ in Kaiserslautern über die zunehmenden Drangsalierungen der NS-Schergen und der Gräueltaten in Auschwitz bis zu ihrer nicht mehr für möglich gehaltenen Befreiung 1945 bei einem „Todesmarsch“ auf offener Straße durch US-Truppen in Mecklenburg.

Dass Erna de Vries bei ihren Ausführungen innerlich zuweilen ins Stocken gerät, wie sie hernach freimütig zugibt, lässt sie sich kaum anmerken. „Über den Tod meiner Mutter zu sprechen fällt mir bis heute nicht leicht“, sagt die 93-Jährige. Erna de Vries hatte sich der Deportation ihrer Mutter, einer Jüdin, nach Auschwitz freiwillig angeschlossen.

Einzelheiten ihrer Schilderungen aus dem Vernichtungslager lassen einem das Blut in den Adern gefrieren: „Auf dem täglichen Weg zum Arbeitseinsatz mussten wir zwischen den beiden Krematorien hindurchmarschieren.


Zu beiden Seiten der Verbrennungsöfen türmten sich Berge von Leichen. Man konnte Juden zwar täglich zu Tausenden vergasen, kam aber mit dem Verbrennen nicht nach.“

Kein Wiedersehen

Durch Arbeit geschunden und von NS-Ärzten deshalb für den Todesblock selektiert, entkommt de Vries der Vernichtung im letzten Augenblick durch einen Erlass von SS-Reichsführer Heinrich Himmler, wie sie berichtet. Er habe angewiesen, „Halbjuden“ – der Vater war nicht jüdisch – ab sofort in der Rüstung arbeiten zu lassen. Für die Mutter gab es hingegen keine Rettung. Der Abschied sei tränenreich gewesen. „Es ist schwer vorstellbar, was es heißt, sich für immer von einem geliebten Menschen zu verabschieden. Wenn man nicht sagen kann: Auf Wiedersehen“, sagt de Vries.

In den 90er-Jahren kehrt die Holocaust-Überlebende auf eigenen Wunsch noch einmal nach Auschwitz zurück. „Ich habe es nicht lange ausgehalten. Aber ich wollte der Asche meiner Mutter noch einmal nahe sein“, sagt de Vries. Ihre Mutter wurde am 8. November 1943 ermordet. Sie ist eine von sechs Millionen Juden, die während des Dritten Reiches von den Nationalsozialisten systematisch umgebracht wurden.

Mit ihrem späteren Mann, der ebenfalls deportiert war und seine erste Familie verlor, hat sie häufig über das Erlebte gesprochen. „Aber wir haben nicht nur zurückgeblickt, sondern auch in die Zukunft.“ Nicht zuletzt deshalb ist Erna de Vries stolz auf ihre drei Kinder und sechs Enkel.

Erna de Vries - HäftlingsnummerSpäter krempelt sie noch einmal den Ärmel hoch und zeigt ihre tätowierte Häftlingsnummer am linken Arm: 50452. „Ist mit der Zeit ein bisschen blass geworden“, sagt  Frau de Vries.

Originalseite der EZDen Verstummten eine Stimme geben
Ems-Zeitung vom 16.05.2017


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