Flüchtlinge besuchen Papenburger Schüler

Ems-Zeitung, 26. November 2015

Vier Berichte über persönliche Schicksale – Sprache ist der Schlüssel zur Integration


2015- Flüchtlinge besuchen Papenburger Schüler
Auf unterschiedlichen Kontinenten aufgewachsen, aber ähnliches Schicksal:
Die Syrerin Seba Chehab und der Somalier Ali Sayid sind nach Deutschland geflüchtet.
Foto: Dirk Hellmers

Von Dirk Hellmers
Papenburg. Warum seid ihr eigentlich geflohen? Diese und andere Fragen durften Schüler der Michaelschule in Papenburg vier Flüchtlingen, die nun in der Region leben, stellen. „Eine tolle Sache“, findet Schulleiter Thomas Springub. Jeweils in Doppelstunden hatten die Schüler Zeit, mit den neuen Einwohnern ins Gespräch zu kommen.

„Wie war das, als ihr euch entschieden habt zu fliehen?“, fragte Moderatorin Pauline Andrzejewski, die das Quartett beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Papenburg betreut. „Als ich meine Mutter 2009 zum letzten Mal gesehen habe, habe ich die ganze Nacht geweint“, ließ Ali Sayid aus Somalia tief in seine Seele blicken. Zuvor hatte der Mittzwanziger die Schüler noch recht locker mit „Moin zusammen, ich bin Ali“ begrüßt. Seit drei Jahren lebt er hier. „Wenn es immer schlimmer wird, will man irgendwann in Frieden leben.“ Zudem habe er Angst gehabt seiner Familie zur Last zu fallen.

Per Zufall nach Deutschland

Dass er in Deutschland gelandet ist, sei Zufall, sagt Sayid. Er wollte in ein sicheres Land nach Europa. Daher sei er über die Türkei, wo er Hilfe von Schleusern („für etwas Geld“) hatte, nach Griechenland und von dort mit einem „illegalen Visum“ nach Deutschland gebracht worden. Über seine neue Heimat habe er sich in Somalia keine Gedanken gemacht. „Deutschland ist weit weg. Wir wussten wohl, dass es dort moderner ist, aber es war schwierig, sich das vorzustellen.

Anders war die Flucht von Sanan Inezan und Ainas Ine zan aus dem Irak. Das Paar war zuvor mit dem autistischen Sohn bereits nach Syrien geflohen, wo später auch Krieg ausbrach. „Als wir die Chance hatten, haben wir sie ergriffen“, berichtet Ainas Ine zan. Ihr Mann ergänzt: „Damals klang Syrien gut.“





Entweder alle, oder keiner

Aus Syrien kam auch Seba Chehab nach Deutschland. Freunde sind schon eher geflohen, da haben sie und ihr Mann, die sieben Geschäfte in Damaskus führten, noch gehofft, es werde besser. Irgendwann wollte ihr Mann zu einem Freund nach Schweden fliehen und die Familie nachholen. „Ich habe gesagt, entweder wir fliehen alle zusammen oder keiner“, berichtet seine Frau. Heute lebt die Familie mit ihren vier Kindern in Leer. „Ich suchte Sicherheit für meine Kinder.“

Auf die Frage „Was habt ihr mitgenommen?“, hieß es: „Nur ein paar Klamotten und Dokumente“, entgegnet Ine zan. Aber viel habe er nicht mehr gehabt, da er zuvor bereits in Syrien als Flüchtling gelebt hatte. Seine Frau hatte noch ihr Hochzeitsfoto sowie besondere Nahrung für ihren allergisch reagierenden Sohn im Gepäck gehabt.

Sprache eine große Barriere

Auch wenn sie in Deutschland nett aufgenommen wurden, sei nicht alles einfach gewesen. Chehab berichtet, dass man ihr zwar gesagt habe, dass ihre Kinder zur Hauptschule sollen. „Aber was ist Hauptschule?“ Erst im Internet habe sie eine Erklärung gefunden, heute würden ihre Kinder auf das Gymnasium gehen. Hier in Deutschland fühle sie sich auch mit der Sprache unter Druck gesetzt. Da sie besser Englisch spreche als ihr Mann, müsse sie nun viel regeln.

Dass die Sprache schwer sei, findet auch Sayid. Über das Fußballspielen habe er zwar Anschluss gefunden, aber kaum gesprochen. „Ich hatte Angst, dass ich etwas Falsches sage.“ Die Sprache sei aber der Schlüssel zur Integration.


Originalseite der EZFlüchtlinge besuchen Papenburger Schüler
Ems-Zeitung vom 30. November 2015

Kommentar von Hermann Hinrichs
Die Sprache ist der Zugang zu uns

Hermann HinrichsMehr Verständnis füreinander schaffen – das war das Ziel des Besuchs von vier Flüchtlingen in der Michaelschule in Papenburg. Doch es klang auch an, wo das wesentliche Problem liegt, wenn Menschen aus Krisengebieten in Deutschland angekommen sind: die Sprache.

Jeder, der schon einmal einen Anlauf unternommen hat, eine neue Sprache zu erlernen, weiß, wie schwer es ist, dabei Fuß zu fassen. Zahllose Vokablen, kaum auszusprechende Wörter und dann noch die Grammatik – da ist man schnell der Verzweiflung nahe. Wenn dann auch noch die Muttersprachler fehlen, mit denen das Erlernte verfestigt werden kann, rutscht die Motivation leicht in den Keller.
 


So dürfte es auch vielen Flüchtlingen ergehen, die daneben auch noch vielfach von Zukunftsängsten geplagt sind: Kann ich in Deutschland bleiben? Darf meine Familie auch kommen? Sind sie überhaupt noch am Leben? In diesem Umfeld lebt und lernt es sich nur schwer.

Dabei hängt aber alles davon ab, die Sprache der neuen Heimat wenigstens einigermaßen zu beherrschen. Deshalb müssen die Bemühungen darum unbedingt weiter intensiviert werden. Erst wenn sich Einheimische und Flüchtlinge wirklich  begegnen können, wächst auch das Verständnis für einander. Dann gibt es für die Flüchtlinge Zugang zu uns Deutschen, zu einem Leben in Deutschland.

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