Seneca kommt nach Papenburg

Beim Wettbewerb der Initiative "Jugend und Ausbildung" gewinnt in Berlin die Hauptschule Michaelschule

Handelsblatt, 28., 29., 30. November 2008, Nr. 232

Seneca kommt nach PapenburgStaatssekretärin Dagmar Wöhrl zeichnet im Wirtschaftsministeriumm die Preisträger
der Michaelschule aus


Foto: David Ausserhofer


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von
Kerstin Schneider - Berlin



Der glänzende Bronzekopf des römischen Philosophen Seneca ziert bald die Michaelschule im niedersächsischen Papenburg. Mit ihrem Konzept zum "Berufsorientierten Lernen" wurde die Haupt- und Realschule mit 1 000 Schülern gerade stolzer Gewinner des Hauptpreises der Bundesinitiative "Jugend und Ausbildung" und darf den Kopf des römischen Philosophen und einen Geldpreis mit nach Hause nehmen.

Die Büste hätten wir gut gebraucht, als neulich die Schulinspektion da war", erzählt eine Lehrerin fröhlich, als die Papenburger mit Schülern und Lehrern die Bühne bei der Preisverleihung im Bundeswirtschaftsministerium stürmen. Denn Auszeichnungen wie der Seneca-Preis machen die Öffentlichkeit und die Schulverwaltungen oft erst auf die Leistungen einer Schule aufmerksam.

Der Schulwettbewerb der Initiative "Jugend und Ausbildung" wurde zum zweiten Mal ausgelobt. Mit dem Seneca-Preis werden Schulen für überzeugende und innovative Berufsqualifizierungsprojekte prämiert.

In  der Initiative kooperiert das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie mit Partnern aus der Wirtschaft wie zum Beispiel dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall, "Handelsblatt macht Schule" und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks; durchgeführt werden die Aktionen von der Zeitbild Stiftung. Ziel ist es, den Jugendlichen auf dem Weg ins Berufsleben zur Seite zu stehen, unter anderem mit der Internetplattform "www.ich-will-was-werden.de", die viele Hinweise zur Berufsorientierung enthält.

Über 290 allgemeinbildende Schulen und Berufsschulen - fast 13 Prozent mehr als vor zwei Jahren - haben ihre Ideen für den Seneca-Schulwettbewerb eingereicht, darunter viele Haupt- und Realschulen. Sechs Schulen wurden von der Jury als preiswürdig ausgewählt. Die Frage, was Schule leisten kann, um die Schüler fit für das Berufsleben zu machen, haben diese Schulen ganz unterschiedlich beantwortet.

Gleich zwei Preise gingen nach Niedersachsen: Neben der Michaelschule wurde die Rathausschule in Laatzen für ihr "Ausbildungsradio4you" prämiert, in dem die Schüler Informationen über Berufe geben. Der dritte Sieger ist die Thomas-Morus-Realschule in Östringen in Baden-Württemberg, die mit einem Berufsorientierungskonzept überzeugte, das eine enge Kooperation mit Unternehmen in der Region vorsieht. Darüber hinaus gab es drei weitere Preise für Konzepte, die Schüler mit Migrationshintergrund fördern. Staatssekretärin Dagmar Wöhrl, die den Schülern und Lehrern die Urkunden überreichte, betonte, wie wichtig es ist, "Brücken zwischen Schulen und Unternehmen" zu bauen.

Beim Brückenbauen ist das Papenburger Modell vorbildlich, das die Jury überzeugte, weil es viele Bausteine zu einem großen Berufsorientierungskonzept verbindet. Mit 180 Unternehmen hat sich die Schule seit 2001 vernetzt; mit diesen gibt es Kooperationsverträge, die unter anderem regeln, dass die Betriebe Praktikumsplätze für die Schüler der Michaelschule bereitstellen.
Rektor Ludger Stukenberg und seine Mitstreiter wollen den Schülern viel Praxis vermitteln. Ab Klasse 7 werden Wahlpflichtkurse in den Schulwerkstätten angeboten zu Themen wie Metallverarbeitung, Holztechnik, Mode und
Informatik. Bis zu ihrem Schulabschluss können sich die Schüler für zwei Stunden pro Woche in viele praktische Bereiche einarbeiten und erfahren dabei oft erst, welche Fähigkeiten sie eigentlich haben. Das nutzt ihnen dann auch bei den Langzeitpraktika in den Betrieben, wo sie einen ganzen Tag pro Woche verbringen.

"Meistens gibt es einen Leistungsschub, wenn die Schüler in die Betriebe kommen. Da merken sie plötzlich, in welchen Fächern sie mehr lernen müssen, und das tun sie dann auch", sagt Lehrer Ludger Mählmann. Während der Praktika reißt der Kontakt zwischen Schulen und Betrieben nicht ab: Wichtig sind Gespräche, damit die Schüler optimale Unterstützung erhalten, wenn es Defizite etwa in Mathematik oder Deutsch gibt.

Die katholische Privatschule unter der Trägerschaft des Bistums Osnabrück hat mittlerweile bei den Unternehmen in der Region einen so guten Ruf, dass viele Schüler schon aus dem Praktikum heraus einen Ausbildungsplatz erhalten. Die Erfolgsquote beträgt - und das ist für eine Hauptschule phänomenal - hundert Prozent. Alle Schüler erhalten eine Lehrstelle oder besuchen nach dem Schulabschluss eine weiterführende Schule. Und ein wichtiger Punkt: Die Eltern unterstützen das Konzept der Schule. Hinweise zu ihrem erfolgreichen Berufsqualifizierungskonzept will die Schule gerne weitergeben, wie Rektor Stukenberg erklärt.

Ganz anders sieht das Modell der Gustav-Stresemann-Schule aus. An der Wirtschaftsschule in Mainz, die einen Sonderpreis für ihr Programm "Fit für die Ausbildung" erhielt, müssen die Lehrer erst einmal Aufbauhilfe geben. Die Schüler, die nach neun Schuljahren an die berufsbildende Schule kommen, zweifeln oft an ihren Fähigkeiten, auch weil sie keine Lehrstelle erhalten haben.

In kreativen Workshops zur Berufsfindung sollen die Schüler ihre Stärken entdecken; außerdem werden ausführliche Bewerbertrainings angeboten. Viele Schüler erlernen dann erst die sozialen Fähigkeiten, die auch in Berlin von den Wirtschaftspartnern der Initiative "Jugend und Ausbildung" als wichtiges Indiz der Ausbildungsreife beschrieben wurden.

Die Geldpreise von bis zu 1 000 Euro sind gut angelegt und nutzen der praktischen Umsetzung der Konzepte: Eine Schule braucht eine technische Ausrüstung für ihr Büro, andere wollen Reisekosten für Unternehmensexkursionen finanzieren oder die Wartung der Geräte in ihren Werkstätten.

Damit die Berufsorientierung auch für weitere Schülergenerationen fortgeführt werden kann.
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Preiswürdig
Die Preisträger des Seneca-Preises wurden in Berlin von der Initiative "Jugend und Ausbildung" für Konzepte ausgezeichnet, die Schüler auf den Beruf vorbereiten.
Die Sieger:
  • Michaelschule, Papenburg in Niedersachsen, für das Konzept "Berufsorientiertes Lernen";
  • Rathausschule, Laatzen in Niedersachsen, für das "Ausbildungsradio4you";
  • Thomas-Morus-Realschule, Östringen in Baden-Württemberg, für das "Berufsorientierungskonzept"
Sonderpreise:
  • Mozartschule, Schwäbisch-Gmünd, Baden-Württemberg;
  • Karl-Kind-Schule, Remscheid, Nordrhein-Westfalen;
  • Gustav-Stresemann-Wirtschaftsschule, Mainz, Rheinland-Pfalz

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